Was sind Werte, Herr Professor Sommer?
Werte sind etwas Ausgedachtes. Sie leiten und gestalten unser Zusammenleben. Sie geben uns Halt und Orientierung.

In Ihrem Buch »Werte. Warum man sie braucht, obwohl es sie nicht gibt« schreiben Sie: »Werte sind Ausdruck allgemeiner Demokratisierung und Individualisierung.« Trifft dieser Satz so pauschal tatsächlich zu?
(lacht): Erst seit Mitte des 19. Jahrhunderts beginnen wir, über Werte im moralischen Sinn zu reden: Damals haben die Menschen aufgehört, unter einer Dominanz feststehender, metaphysischer oder religiöser Vorstellungen zu stehen. Werte kommen auf, wenn Gesellschaften anfangen, sich zu demokratisieren und zu individualisieren. Werte kommen immer nur im Plural vor. Schon diese
Pluralisierung ist Ausdruck einer gesellschaftlichen Demokratisierung.

Werte sind aber nicht per se demokratisch …
Da haben Sie Recht. Nicht jeder, der sich auf Werte beruft, ist ein Demokrat. Wir haben beispielsweise das Phänomen, dass sich der Nationalsozialismus dezidiert auf Werte bezieht – nur sind das andere als die einer liberalen, freiheitlichen Demokratie. Ein Kriterium für demokratietaugliche Werte ist deren Vielfalt. Ein Autokrat will hingegen ein einheitliches, festes Werteschema.

Warum gibt es keine allgemeingültige Definition politischer Grundwerte?
Eben auch, weil die Vorstellungen dessen, was man im Politischen erreichen will, ganz unterschiedlich sind. Die in Deutschland erlaubten Parteien benutzen zumindest in ihrer Rhetorik oft dieselben Wertevokabeln. »Freiheit« ist in allen Parteiprogrammen prominent vertreten, allerdings verstehen die unterschiedlichen Parteien darunter jeweils etwas anderes.

Was heißt das für eine funktionierende Demokratie?
Das Feld des Politischen kann man mit ganz unterschiedlichen Interessen angehen. Einer bewegt sich im politischen Feld, weil er möglichst große Gleichheit für alle Bürgerinnen und Bürger durchsetzen will. Ein anderer, weil er möglichst weitgehende Freiheit für das Individuum realisieren will. Es gibt permanent Wertekonflikte, bei denen man im politischen Geschäft zu Lösungen oder Kompromissen kommen muss. Das ist ein ständiger Prozess.

Wie sieht es mit abstrakten Werten konkret im Alltag aus?
Wenn wir Werteformeln wie Menschenwürde oder Freiheit gebrauchen, stellt man im Alltag häufig fest, dass damit ganz Verschiedenartiges verbunden wird. Für den einen bedeutet Freiheit, dass er auf seiner Terrasse den Grill zu jeder Tages- und Nachtzeit anwerfen kann, für den Nachbarn ist das hingegen eine Einschränkung seiner Freiheit – da sind Konflikte vorprogrammiert. Im Fall der Menschenwürde, die ja im Grundgesetz verankert ist, haben wir höchstrichterliche Entscheidungen, die immer wieder neu auslegen, wie sie zu verstehen sei. Um es konkret zu machen: Lange Zeit wurden Homosexuelle in Deutschland diskriminiert. Für sehr viele Menschen ist heute die freie sexuelle Orientierung ein hoher Wert und vom Verfassungsbegriff der Menschenwürde geschützt. Daran sehen wir Werteentwicklungen.

Inwieweit gibt es unterschiedliche Herangehensweisen an die Werte im Politischen?
Wir haben zum einen die Tendenz, mit Werten sehr viele Menschen einzugemeinden. Diese Taktik hat die Bundeskanzlerin lange angewandt: Mit den Werten eine ganz große Gemeinschaft zu erzeugen, die nicht nur die Bürgerinnen und Bürger des Landes, sondern ›die gesamte Welt‹ umfasst. Die entgegengesetzte Strategie auf politischer Seite versucht, durch Werte auszugrenzen, beispielsweise wenn jemand heute den Wert der Nation beschwört. Werte sind sehr nützliche politische Instrumente, um sich selbst zu positionieren, ohne konkret zu werden. Werte nutzen sich aber auch schnell ab, wenn so verfahren wird.

Was ist dran an dem so oft zitierten »Wertewandel«?
Es ist ein Prozess im Gang, der letzte Sicherheiten und Werte aufhebt. Der Wandel ist eigentlich schon beim Aufkommen der Werte im 19. Jahrhundert in der Moralphilosophie angelegt. Generell ist festzustellen, dass der Wertewandel entgegen den Unkenrufen derjenigen, die vom Wertezerfall reden, kein negativer Prozess ist. Im Gegenteil: Er zeugt von der Lebendigkeit und Lebensfähigkeit der modernen, hoch komplexen Gesellschaften, weil sie ständig in der Lage sind, ihre Orientierungen an die sich verändernden Realitäten anzupassen. Großorganisationen wie beispielsweise Kirchen oder Gewerkschaften haben als Bindungskräfte ganz offensichtlich an Kredit verloren. Als Individuum im zweiten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts ist man offensichtlich immer seltener bereit, das Wertemuster, das einem Großorganisationen vorgeben, ohne eigenes Nachdenken zu akzeptieren. Das heißt ja nicht, dass die Werte, die beispielsweise von den christlichen Kirchen propagiert werden, allesamt vergessen wären. Man beruft sich nur nicht mehr selbstverständlich auf die Kirche als Hüterin dieser Werte. Die Individuen sind mündiger geworden. Es findet eine Parzellierung der Gesellschaft statt, aber diese läuft aus meiner Sicht nicht Gefahr, ihre letzten Bindungen aufzugeben.

Wer schafft Werte?
Andreas Urs Sommer: Das ist eine Frage, die wir uns immer wieder neu stellen müssen. Sind wir es als Individuen, die Werte schaffen? Sind es soziale Gruppen, denen wir zugehören, die Werte schaffen? Schaffen wir Werte im gesellschaftlichen Diskurs oder erschaffen wir sie allein im stillen Kämmerlein? Letzteres ist wohl auszuschließen, denn Menschen sind soziale Wesen, die sowohl in Beziehung zu anderen Menschen stehen als auch zu einer sie umgebenden Umwelt. In diesem Interagieren findet ständig ein Werteschaffungs-, ein Wertejustierungs- oder ein Werteveränderungsprozess statt. Als Mensch wird man ständig konfrontiert mit Menschen, die andere Wertvorstellungen haben. Das nimmt man entweder zum Anlass, sich über seine eigenen Werte Gedanken zu machen und sich von den anderen abzugrenzen oder die Werte, die die anderen vertreten, als Inspiration für eigene Wertorientierungen zu nehmen. Das gesellschaftliche Gefüge befindet sich ständig im Prozess der Werteerschaffung, der Werteprivilegierung und der Werteentprivilegierung. Werte sind hochgradig mobil und flexibel. In den gesellschaftlichen Debatten, die man auch medial verfolgen kann, sei es in den klassischen Medien oder bei Social Media, rückt beispielsweise der Wert der Sicherheit bei einer Bedrohungslage in den Vordergrund, während dann ein Wert wie Freiheit eher das Nachsehen hat. Solche Prozesse finden ständig statt. Auch Machtfragen spielen dabei eine Rolle: Wer hat die lauteste Stimme oder die mediale Rückendeckung, die ihm erlaubt, seinen Wertepräferenzen auch entsprechenden Nachdruck zu verleihen?

Sehen Sie auch die Gefahr einer möglichen ›Wertekonzentration‹?
Andreas Urs Sommer: Bei aller Zuversicht, dass sich Werte entwickeln, dass Werte flexibel bleiben, gibt es durchaus auch Gefahren einer Zuspitzung auf bestimmte Werte, ja. Wenn Sie etwa an Frankreich denken, wo der Ausnahmezustand zumindest bis Juli 2017 gilt. Der Sicherheitsdiskurs bestimmt dort alles und bringt die Einschränkung von vielen Grundrechten mit sich. Ausgangssperren, Durchsuchungen und Hausarreste bleiben ohne richterlichen Beschluss erlaubt – und das in einem Land, das die Menschenrechte im 18. Jahrhundert entdeckt hat. Angesichts der Tatsache, dass von einem vermeintlich freiheitsliebenden Volk selbst im Präsidentschaftswahlkampf die Ausnahme als Normalität anerkannt wird, kann einem schon mulmig werden. Von der Situation in der Türkei oder in den USA ganz zu schweigen …

Diesbezüglich gäbe es viel zu sagen, aber lassen Sie uns kurz noch auf einen weiteren »Werteaspekt
« zu sprechen kommen. Wer sorgt für die Wertevermittlung ›von klein auf‹?
Für die Wertesozialisierung ist es ganz entscheidend, wie im Elternhaus, wie im Kindergarten und in der Schule mit Werten umgegangen wird. Aus meiner Sicht ist es wichtig, den Kindern klarzumachen, dass Werte nicht vom Himmel gefallen sind. Werte sind von Menschen für Menschen gemacht. Sie sind Hilfsmittel, mit denen wir unser Leben organisieren. Kindern in Bildungseinrichtungen frühzeitig zu vermitteln, dass es auch andere Wertvorstellungen gibt als die, die sie aus ihrem Elternhaus mitbringen, finde ich eine wichtige Aufgabe. Werte sind nicht heilig und unantastbar. Auch wenn Kinder mit unterschiedlichem ethnischen Hintergrund in der Schulklasse versammelt sind, bedeutet das nicht, dass man bestimmte Werte ohne Diskussion für gültig halten muss. Schule ist auch der Ort, an dem über Werte debattiert werden sollte und wo sich alle mit ihrem mitgebrachten ›Werteset‹ in Frage stellen lassen müssen. Schulen können sehr gut als ›Wertediskurseinrichtungen‹ funktionieren. Zu meiner Gymnasialzeit habe ich die lebhafte Werte-Diskussion zwischen ›säkularen‹ und ›religiösen‹ Mitschülerinnen und Mitschülern zwar als sehr anstrengend, aber auch als befreiend empfunden.

In der Oktoberausgabe unseres Magazins zum Thema »Vielfalt gestalten. Diversität zulassen« sprach Professor El-Mafaalani davon, dass eine ›konstruktive Streitkultur‹ in Bezug auf Migration eine Gesellschaft permanent voranbringe. Inwieweit trifft dies auch auf den Wertediskurs zu?
Das ist so! Entsprechend ist mir, was das Auftreten von rechtspopulistischen Bewegungen in Deutschland betrifft, gar nicht bange um die deutsche Demokratie. Diesbezüglich gibt es zwar viel Unappetitliches, aber es scheint mir ein Zeichen von gesellschaftlicher Reife zu sein, dass man bereit ist, auch über höchst kontroverse Wertvorstellungen zu diskutieren. Das Grundgesetz und die Gesetze legen den Rahmen des Erlaubten fest. Mir scheint Angst
or Totalitarismen, die drohen könnten, in unseren Breiten nicht notwendig. Im Gegenteil: Auch die rechtspopulistischen Bewegungen, die man anderswo in Europa sieht, müssen nicht furchtbar besorgniserregend sein, wenn die Möglichkeit zu politischer Artikulation besteht. Das kann das politische Geschäft insgesamt beleben. Ich stelle das in meinem Heimatland fest. Dort gibt es seit 25 Jahren die Schweizerische Volkspartei (SVP), die man als rechtspopulistische Partei charakterisieren kann. So wenig Sympathie ich für diese Partei persönlich empfinde: Ich stelle dennoch fest, dass sie die politische Debatte in einer Weise dynamisiert, wie ich mir das als Gymnasiast gewünscht hätte, als es sie noch nicht in dieser Form gab, sondern nur den ›goldenen Mittelweg‹. Die Debatten werden aufgebrochen – und das tut einer gefestigten Demokratie nur gut!

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